Martin Sansoni - Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Träume und Traumdeutung

Der Traum erlaubt uns einen Zugang zum Unbewussten. In ihm herrscht das magische, emotionale, unlogische und irrationale Denken, wie wir es aus der Kindheit oder den frühen Stadien der Menschheitsentwicklung wie z. B. den schamanistischen Kulturen der Jäger- und Sammlervölker kennen. Der Traum liebt Bilder, die emotionale Sachverhalte symbolhaft darstellen und die freizügig verdichtet und verschoben werden können.

Wir können folgende Formen von Träumen unterscheiden:

  1. Zunächst gibt es einfache Träume, die ohne tiefere Bedeutung noch einmal die Ereignisse des Tages (Tagesreste) durchspielen. Beispielsweise träumt ein Obstpflücker auch noch in der Nacht, wie er einen Apfel nach dem anderen pflückt;

  2. Ähnlich leicht deutbar sind Wunscherfüllungsträume, in denen das vor allem Ersehnte zur Traumwirklichkeit wird;

  3. Unangenehmer sind Alpträume, in denen immer wieder angstmachende Situationen wie z. B. verfolgt oder blamiert zu werden, erlebt werden. Sie dienen der Bewältigung von Ängsten. Diese sollen besser bewältigt werden, indem sie immer wieder durch erlebt werden;

  4. Schwerer deutbar sind Träume, in denen innere Konflikte thematisiert werden. Ein Beispiel: 'Meine Mutter kam auf mich zu. Ich schrie sie an, sie solle weggehen. Danach habe ich sie getötet. Das alles ist mir unverständlich und erschreckt mich!' - Wenn in Träumen jemand getötet wird oder stirbt, befindet sich der Träumende meist in einer Phase seines Lebens, in der er sich von engen Bezugspersonen löst. Der Tod im Traum bedeutet also die Ablösung von einem inneren Bild. - Ein weiterer, sehr häufiger Traum kreist darum, einige oder gar alle Zähne verloren zu haben. Er tritt meist auf nach einem von heftigster Wut begleiteten Konflikt;

  5. Vielfach dienen Träume aber vor allem dazu, die Gefühle oder das Selbstwertgefühl in der Gegenwart oder der Vergangenheit in Bildern darzustellen.

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Häufig sehen wir folgende 'Seelenbilder':

  1. Die Reise dient der Darstellung einer stattgefundenen, befürchteten oder erhofften seelischen Entwicklung, dem Weg von einem Start (z. B. der Geburt) zum Ziel (z. B. dem Tod). 'Ich bestieg das Schiff in Hamburg. Der Kapitän ähnelte meinem Vater. Er schien seiner Aufgabe nicht gewachsen. Das Schiff geriet in einen furchtbaren Orkan und drohte zu sinken'.

  2. Die Angst vor dem Versagen und damit die Angst, soziale Normen nicht zu erfüllen: 'Ich muss zu einem wichtigen Termin fahren. Immer wieder werde ich daran gehindert. Erst springt das Auto nicht an. Danach gerate ich in einen Stau vor einer Baustelle, es ist unmöglich zu wenden. Kurz vor dem Ziel platzt mir ein Reifen. Ich versuche zu Fuß weiter zu kommen, man stellt mir aber fortlaufend ein Bein, ich falle und humpele ...'

  3. Die Landschaft malt die Stimmung. Ein Beispiel für eine trostlos-depressive Stimmung: 'Ich gehe durch Morast. Rechts und links sehe ich Schützengräben und Bombentrichter. Überall liegen Leichen herum. Ich betrete die rostigen Ruinen einer alten Fabrik. Überall in den Räumen liegt Müll. Es riecht nach Verwesung. - Oder aber eine euphorische Aufbruchsstimmung: 'Ich gehe durch einen blühenden Obstgarten. Am Ausgang fährt eine weiße, mit Blumen geschmückte Hochzeitskutsche an mir vorbei. Eine Allee liegt vor mir, sie führt bis zum Horizont ...'.

  4. Der Garten ist der Garten Eden, also das Paradies. Die Abgrenzung durch einen Zaun, eine Mauer oder eine Hecke entspricht einer Grenzziehung gegen die Wildnis oder die Wüste (also gegenüber der ungeordneten Natur), um zu Frieden und Geborgenheit zu gelangen. Innerhalb der Umzäunung wird Kultur aus der 'Mutter Erde' möglich.

  5. Die Wohnung (oder das Haus) steht als Bild für die eigene Persönlichkeit, das Selbstbild, die Identität. Die Küche meint dabei die mütterlich-versorgenden Anteile der Persönlichkeit, das Arbeitszimmer den verinnerlichten väterlichen Anspruch, das Schlafzimmer oder der Garten die Einstellung zur Entspannung und das Badezimmer die Einstellung zum eigenen Körper und zur Sexualität.

  6. Die Kleidung ('Kleider machen Leute' - sofern man nicht 'in Schutt und Asche' gehen will) oder das Auto bearbeitet im Traum die Erscheinung, die man gegenüber anderen Menschen einnimmt, nicht einnimmt oder einnehmen möchte. Die Kleidung wird so zu einer 'zweiten Haut', das Auto oder die Wohnung zu einer dritten Umhüllung. Alle diese 'Häute' haben die doppelte Funktion, einerseits von der Umwelt (und damit auch den anderen Menschen) abzugrenzen, andererseits aber auch Kontakt und Austausch zuzulassen.

  7. Tiere stehen meist stellvertretend für die eigene Seele. Dies gilt insbesondere für Katzen, aber auch für Hunde, Pferde, Vögel, Fische.

  8. Diese eigene Seele wird im folgenden Traum mit dem Schuldgefühl verdichtet: 'Ich muss ein paar Pferde versorgen. Es gelingt mir aber nicht. Die Tiere haben immer wieder Hunger und Durst, weil ich nicht rechtzeitig komme. Sie magern ab. Eines Tages komme ich in den Stall und ein Teil der Pferde liegt verhungert und verendet am Boden'.

  9. Der Urlaub bedeutet die Sehnsucht nach Rückzug in eine unberührte Natur und zu 'unverdorbenen', ursprünglichen Menschen.

Die Traumdeutung wird sich vor allzu einfachen, wörterbuchähnlichen 'Übersetzungen' hüten müssen. Nach der Erzählung des Traumes wird zunächst einmal nach den Ereignissen des Vortages, nach den Erwartungen an die kommenden Tage und nach den spontanen Einfällen zu den einzelnen Traumelementen zu fragen sein. Im nächsten Schritt sollte ein Gesamtzusammenhang mit der seelischen Situation und der lebensgeschichtlichen Entwicklung hergestellt werden.

Die öfters zu hörende Einlassung 'Ich träume überhaupt nicht' ist unrichtig; Träume werden in diesem Fall lediglich nicht erinnert. Oft genügt die Aufforderung bzw. der Vorsatz, Träume zu erinnern. Manchmal ist es hilfreich, Träume innerhalb der ersten Viertelstunde nach dem Aufwachen aufzuschreiben oder zu malen.