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Martin Sansoni - Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Das verminderte Selbstwertgefühl

 Den meisten seelischen Problematiken liegt ein vermindertes Selbstwertgefühl zugrunde.

 Das normale Selbstwertgefühl entsteht

  • im ersten Lebensabschnitt zum einen aus der Zuwendung, die Kinder von ihren unmittelbaren Bezugspersonen (vor allem den Eltern, aber auch Geschwistern, Großeltern u. a.) erhalten; zum anderen aus der Teilhabe an der elterlichen Macht.

  • Im weiteren Verlauf des Schulalters wird seine Entwicklung bestimmt durch die Anerkennung seitens der Gleichrangigen (z. B. Schulkameraden, Studienkollegen, Berufskollegen) und elternähnlicher Figuren (z. B. Lehrer, Ausbilder, Professoren, Vorgesetzte).

  • Im jungen Erwachsenenalter regulieren Erfolge und Misserfolge, Anerkennung und Ablehnung seitens aller Mitmenschen dieses Selbstwertgefühl. Die Zustimmung der gesamten Gesellschaft wird damit der entscheidende Garant für den weiteren Bestand des Selbstwertgefühles. Die Gesellschaft bemisst die Wertschätzung danach, inwieweit ihre grundlegenden Normen erfüllt werden: beruflicher  Erfolg, Partnerschaft, Kinder, Wohnung oder Haus, Vermögen. Früher spielten Tugenden wie Ehrlichkeit, Treue oder Zuverlässigkeit eine größere Rolle als heute. Der Reiz mancher Subkulturen (wie z. B. der Rotlicht- oder der Drogenszene) mag darin bestehen, dass diese Normsetzung zunächst einmal verändert oder außer Kraft gesetzt wird.

 

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 Widrige Umstände in der lebensgeschichtlichen Entwicklung können die Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühles beeinträchtigen:

  • Schwere körperlich-seelische Verletzungen wie Misshandlungen oder sexueller Missbrauch,

  • diskretere Traumatisierungen wie erlittene Ungerechtigkeit, Benachteiligung gegenüber von bevorzugten Geschwistern oder ein Missbrauch in der Rolle (wenn beispielsweise ein Kind Ersatzelternfunktion für seine jüngeren Geschwister übernehmen muss),

  • das Fehlen eines Elternteiles durch Tod oder Trennungen, oder aber wenn

  • seitens der Eltern zu wenig Zeit, Zuwendung und Aufmerksamkeit für das Kind vorhanden ist. Die Gründe hierfür sind vielfältig; die Eltern können abgelenkt sein durch eine zu umfangreiche Berufstätigkeit, durch einen Ehekonflikt, durch eigene seelische Störungen, durch körperliche Krankheit, durch äußere Katastrophen (Kriege, Arbeitslosigkeit oder Bankrott eines elterlichen Betriebes) oder durch eine zu große Kinderzahl, die die Fähigkeit der Eltern zur Zuwendung übersteigt.

 Ein aus seiner Entwicklung heraus stabil in sich gefestigtes Selbstwertgefühl erlaubt es eine begrenzte Zeit lang, Misserfolge und Ablehnung zu ertragen, so wie eine Batterie eine Weile Strom abgibt, der erst später wieder aufgeladen werden muss. Bei einem weniger stabilen Selbstwertgefühl hingegen muss ständig nach Anerkennung gesucht werden; ein Beispiel der daraus sich ergebenden Konsequenzen ist

 das Prinzip der Anerkennung durch Leistung:

Kinder, die in ihren Familien eher unbeachtet 'nebenher laufen', müssen zu besonderen Mitteln greifen, um geliebt und anerkannt zu werden. Wenn sie schon nicht um ihrer selbst geliebt werden, so erarbeiten sie sich eine gewisse Anerkennung durch besondere Leistungen wie z. B. außergewöhnliche schulische oder berufliche Erfolge oder aber ein sich aufopferndes soziales Engagement für die Familie. Leider führt diese Strategie nicht zu einer stabilen Konsolidierung des Selbstwertgefühles, da man für derartige Leistungen zwar geschätzt, nicht aber um seiner selbst willen geliebt wird. Das Prinzip der Suche nach Anerkennung durch Leistung findet sich insbesondere in mehreren Generationen der vielen Familien, die flüchten oder auswandern mussten und eine meist feindselig-ablehnende oder gleichgültige Umwelt vorfanden. Hieraus entsteht die über mehrere Generationen weitergegebene Devise: 'Wenn man uns schon nicht liebt, so soll man uns doch wegen unserer fleißigen Arbeit anerkennen'. - Auch das

 Alles-oder-Nichts Prinzip

('entweder ganz oder gar nicht', 'schwarz oder weiß') ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Wer dieses Prinzip vertritt, akzeptiert für sich nur perfekte, 'hundertprozentige' Leistungen. Der überhöhte Selbstanspruch führt im weiteren Verlauf zu einer seelischen und körperlichen Anspannung, da Misserfolge in der Konfrontation mit der Wirklichkeit langfristig unausweichlich sind.

Weitere Folgen des verminderten Selbstwertgefühles sind

 Eifersucht und Neid.

Eifersucht und Neid sind zerstörerische Seelengifte. Beide entstehen aus einem verminderten Selbstwertgefühl heraus, beide vermindern dieses Selbstwertgefühl noch weiter. Hinter der Eifersucht steht die unbewusste Phantasie, bestimmte oder (fast) alle Menschen des gleichen Geschlechtes seien mehr wert als man selbst und würden daher von anderen vorgezogen. Neid bedeutet die Befürchtung, andere hätten es besser getroffen als man selbst; auch dahinter verbirgt sich die zur Gewissheit verdichtete Sorge, dass andere mehr wert seien als man selbst. Auch

 Schuldgefühle und Scham

werden vor allem dann übermächtig, wenn sie nicht durch ein ausreichend stabiles Selbstwertgefühl eingegrenzt werden können. Sie entstehen, wenn ein Mensch tatsächlich oder vermeintlich Normen der Gesellschaft nicht erfüllt. Auch sie reduzieren das Selbstwertgefühl weiter. Die

 Identifizierung mit der geschlechtsspezifischen Rolle

bedeutet, dass ein Mann mit der männlichen und eine Frau mit ihrer weiblichen Rolle im großen und ganzen einverstanden ist. Das Selbstwertgefühl leidet, wenn dies nicht der Fall ist. Nehmen wir den Fall eines kleinen Mädchens, von dem sich die Eltern vor ihrer Geburt über alles gewünscht hätten, es wäre ein Junge geworden. Sie könnten in der Folge dazu neigen, in ihrem Kind einen Jungen zu sehen und es in diesem Sinne zu erziehen. Die Folge wäre eine Störung der Identifizierung mit der weiblichen Rolle mit der Konsequenz eines verminderten Selbstwertgefühles, da das Mädchen sich der männlichen Rolle doch nicht ganz fügen können wird und damit dem verinnerlichten Anspruch seiner Eltern nicht genügt. Von

 narzisstischen Phantasien sprechen wir, wenn versucht wird, das verminderte Selbstwertgefühl durch äußere Attribute (wie z. B. dem Ausleben von Macht, Schönheit, überwältigendem Erfolg oder Reichtum) auszugleichen. Sie mögen eine Weile geeignet sein, das seelische Überleben zu erleichtern. Sie geraten aber dann in eine schwere Krise, wenn die äußeren Eigenschaften wegfallen. Beispiele hierfür sind der Machtverlust eines mächtigen Politikers oder der Bankrott eines reichen Unternehmers, aber auch die plötzliche Arbeitslosigkeit eines bisher erfolgreichen Arbeitnehmers.