Martin Sansoni - Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Aggression und Gewalt 

Gefühle regieren das soziale Leben der Menschen wie auch aller höher entwickelter Säugetiere: Freude, Angst, Schuldgefühle, Scham, Wut, Heimweh, Trauer sind einige Beispiele. Insbesondere die Schuldgefühle sind einer der ersten Organisatoren sozialen Zusammenlebens: sie erzeugen in den Mitgliedern einer Gruppe das Gefühl, der Gemeinschaft etwas zu schulden und etwas für sie tun zu müssen. Aber auch viele andere Gefühle haben die Funktion, sozialen Zusammenhalt herzustellen und zu bewahren. Einige Beispiele:

  • Scham hat zur Folge, dass Menschen sich den Erwartungen und Normen der Gruppe unterordnen,

  • Verliebtsein führt zur Paarbildung, sexuelle Gefühle zur Fortpflanzung,

  • Trauer bewirkt, dass ein schmerzlicher Verlust überwunden wird und der Trauernde sich am Ende dieses Prozesses wieder seinen Mitmenschen und der Welt zuwenden kann,

  • Angst warnt vor Gefahren und führt zum Zusammenschluss gegen diese Gefahren,

  • Aggression stellt den für Kampf und Gegenwehr erforderlichen Antrieb bereit.

 

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Gefühle entstehen in einem entwicklungsgeschichtlich sehr alten Teil des Gehirns, dem sogenannten limbischen System. Dieser Teil des Gehirns hat sich - im Gegensatz zur Großhirnrinde - im Laufe der Menschheitsentwicklung kaum vergrößert. Noch heute ähnelt es in Form und Größe dem von höher entwickelten Säugetieren wie Hunden, Affen oder Katzen. So verwundert es nicht, dass die intellektuellen, wissenschaftlichen und technischen Fähigkeiten der Menschen einen ungeheuren Aufschwung genommen haben, ihr Gefühlsleben hingegen auf einem Stand verharrt, der schon vor vielen Jahrtausenden erreicht war.

Probleme bereiten im sozialen Zusammenleben der Menschen wegen ihrer zerstörerischen Wirkung vor allem die aggressiven Gefühle wie Wut, Zorn, Ärger, Rache oder Hass. Die Geschichte der Menschheit weist ein fortschreitendes Bemühen um Aggressionshemmung auf. Das alttestamentarische "Auge um Auge, Zahn um Zahn" mag für heutige Verhältnisse grausam klingen, bedeutete aber für damalige Verhältnisse eine erste Eingrenzung von Aggression: wem ein Auge ausgestochen worden war, durfte den Angreifer nicht mehr - wie bis dahin üblich - töten, sondern ihm nur Gleiches mit Gleichem vergelten. Das christlich geprägte Abendland perfektionierte die Aggressionshemmung weiter. Der Geschädigte wurde nun auf eine juristische Vergeltung beschränkt (Bestrafung des Angreifers durch ein Gericht, Schadensersatz, Schmerzensgeld). Das Gefühlsleben der Menschen konnte diese Entwicklung aber nur begrenzt nachvollziehen, wie der stets bei besonders abscheulichen Verbrechen aufkommende Ruf nach der Todesstrafe zeigt.

Wohl alle seelische Erkrankungen können auch als ein Ringen um die Bewältigung aggressiver Gefühle aufgefasst werden. Aggressive Gefühle werden verdrängt, kehren aber in veränderter Form als Angstzustände oder psychosomatische Symptome wieder. Oder aber - und dies ist typisch für die Depression - sie werden gegen das eigene Selbst gewendet. Diese Wendung der Aggression gegen das eigene Selbst stellt bildlich der Selbstmörder dar, der die Waffe gegen sich selbst richtet.

Das Wort Aggression stammt ab von dem lateinischen Wort 'aggredior'; es bedeutet: etwas in Angriff nehmen, an etwas heran gehen, etwas anpacken. Hier wird deutlich, dass aggressive Tendenzen durchaus sehr positive und konstruktive Aspekte haben können: Elan, Schwung, Durchsetzungsfähigkeit, Erfinder- und Entdeckergeist, Kampfgeist sind Beispiele für diese unverzichtbaren positiven aggressiven Phänomene. Auf der negativen Seite der Skala aggressiver Phänomene stehen die unberechtigte Ausübung körperlicher Gewalt (Körperverletzung, Tötung, Vergewaltigung, Brandstiftung), aber auch jeder sonstige Missbrauch von Macht gegenüber Abhängigen.

Wie können aggressive Tendenzen besser bewältigt werden?

  • Positive Formen der Aggression müssen zugelassen werden. Oft genügt es schon, das, was stört und ärgert offen anzusprechen. Eine angemessene soziale Form, in der dieser Ausdruck in Sprache erfolgt, ist geeignet, die Bedenken zu zerstreuen, dieses Vorgehen führe stets zum Abbruch der Beziehungen zu Menschen.

  • Die wichtigste Strategie zur Beherrschung der Aggression ist die Sublimierung, d. h. die Kanalisierung aggressiver Tendenzen durch Umleitung in eine gesellschaftlich nutzbringende und anerkannte Tätigkeit. Beispiele sind Kampfsportarten wie Fußball oder Boxen, die operative Tätigkeit des Chirurgen, der Kampf für eine politische oder weltanschauliche Idee oder der schöpferische Prozess des Künstlers.

  • Der Humor erlaubt es, den Zorn über die eigenen Unzulänglichkeiten und die Unzulänglichkeiten der anderen in ein freundlich-annehmendes Gefühl zu verwandeln.