Martin Sansoni - Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Biorhythmus

Biorhythmen sind regelmäßig wiederkehrende Veränderungen körperlicher, geistiger und seelischer Funktionen im Ablauf der Zeit. Seelische Störungen treten besonders oft in kritischen, verletzlichen Zonen im zeitlichen Ablauf von Biorhythmen auf.

*      Der tägliche Biorhythmus ist durch ein leichtes Tief der Leistungsfähigkeit am frühen Nachmittag (13:00 bis 15:00) und einen Tiefpunkt nachts zwischen 01:00 und 03:00 geprägt. Höhepunkte der Aktivität sind der späte Vormittag und der späte Nachmittag. Früher wurde diesem täglichen Biorhythmus durch eine allgemein eingehaltene Mittagspause, in der gegessen und häufig auch kurz geschlafen wurde, Rechnung getragen.

*      Der jährliche Biorhythmus entspricht noch immer den Bedürfnissen der Landwirtschaft, die vor der industriellen Revolution noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Mehrheit der Bevölkerung Arbeit gegeben hatte. Dieser Biorhythmus sieht ein Aktivitätsmaximum in der Erntezeit vor; in dieser Zeit (heute die Haupturlaubszeit) wurde fast rund um die Uhr gearbeitet. Die Wintermonate hingegen stellten ein Tief im Antriebsgeschehen dar, da dann die Feldarbeit brach lag und die Menschen in den kaum beleuchteten Häusern (Licht war teuer!) den größten Teil des Tages verschliefen. - Wir sehen eine deutliche Häufung des Auftretens von Depressionen in der Zeit zwischen Mitte Oktober und Ende November. In geringerem Umfang gilt dies auch für den Frühling. Die sogenannten Übergangsjahreszeiten Herbst und Frühjahr sind also verletzliche, kritische Zeitzonen im Biorhythmus eines Jahres.

*      Der Lebens-Biorhythmus sieht ein Maximum an Energie und Expansion in den Jahren zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr vor. Ab dem 40. Lebensjahr (wir sprechen von der Involution, dem Rückbildungsalter) lassen die Kräfte nach, wobei die bis dahin in Leben und Beruf gesammelte Erfahrung dieses Nachlassen noch eine Weile ausgleichen lassen. Das Heranwachsendenalter (Adoleszenz) zwischen dem 14. und 21. Lebensjahr ist so sehr durch die Passage von der Kindheit zum Erwachsenenalter gekennzeichnet, dass man manchmal von einer 'zweiten Geburt' spricht. Diese beiden Lebensabschnitte - Adoleszenz und Involution - sind in ganz besonderer Weise störanfällig und häufig durch seelische Störungen kompliziert.

*      Die Woche vor dem Vollmond ist häufig durch gereizte oder depressive Verstimmungen oder Schlafstörungen geprägt

*      Daneben gibt es individuelle Biorhythmen, die - genetisch festgelegt durch das CLOCK-Gen - einen Teil der Menschen zu eher morgens aktiven 'Frühaufstehern', einen anderen Teil zu eher abends und nachts aktiven 'Nachteulen' machen.

Unsere Zeit trägt den Erfordernissen des Biorhythmus nur wenig Rechnung: die durchgehende Arbeitszeit zwingt durch das Tief am frühen Nachmittag; das Leistungshoch im Sommer fällt in den Urlaub; dem Leistungstief im Winter steht häufig ein Maximum an Arbeitsleistung zum Jahresende (Bilanzen, Inventuren, Weihnachtsgeschäft etc.) gegenüber; die Energie des frühen Erwachsenenalters geht in der Untätigkeit einer erzwungenen Arbeitslosigkeit oder der Überlänge einer schlecht strukturierten Schul- und Berufsausbildung unter, wohingegen man meint, über 60-Jährigen noch volle Leistung abverlangen zu können; dem Vollmondzyklus wird nur im islamischen Kulturkreis Rechnung getragen. Die Missachtung biorhythmischer Gesetzmäßigkeiten trägt dazu bei, dass früher in diesem Umfang unbekannte seelische Störungen immer mehr zu einem Massenphänomen werden.

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