Martin Sansoni - Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Grundannahmen der Psychoanalyse 

  Das Instanzenmodell: FREUD unterschied drei Instanzen im von ihm sogenannten 'psychischen Apparat': das Ich, das Es und das Überich.

  • Das Es umfasst die Triebe wie Hunger, Durst, Sexualität, Aggression, Bedürfnis nach Wärme sowie Gefühle wie Freude, Zorn, Trauer, Heimweh, Angst, Scham;
  • das Überich enthält alle von den Eltern, der Religion, der Moral, dem Staat und anderen gesellschaftlichen Institutionen verinnerlichten Gebote und Verbote;
  • das Ich vermittelt als zentrales Steuerungsorgan zwischen den Bedürfnissen des Es, den Geboten des Überich und den Erfordernissen der
  • Realität, also der Außenwelt.

Diese Vermittlerrolle fällt oft schwer und kann zu seelischen Konflikten führen.

 Ein Beispiel: Ein Mann geht durch einen Supermarkt und sieht Waren, die er dringend benötigt. Er weiß aber, dass er das für den Kauf erforderliche Geld nicht zur Verfügung hat. In ihm wächst der Drang, einige dieser Waren an sich zu nehmen, ohne dafür zu bezahlen.

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Folgende Konflikte innerhalb des psychischen Apparates ergeben sich damit:
  • Das Es drängt den Mann zur Bedürfnisbefriedigung und damit zum Diebstahl;
  • Das Überich erklärt: 'Du darfst nicht stehlen!';
  • Die Außenwelt schlägt an: 'Ladendiebstähle werden strafrechtlich verfolgt!';
  • Das Ich steht vor einer schwierigen Abwägung. Für den Notfall schweren, nicht anders stillbaren Hungers wird es geneigt sein, den Diebstahl z. B. von Lebensmitteln im Sinne eines Mundraubes zu billigen. Ansonsten wird es auf die drohenden Gefahren verweisen und den ins Auge gefassten Diebstahl eher verhindern: 1. die mögliche strafrechtliche Verfolgung bedeutet reale Nachteile, die den kurzfristigen Gewinn des Diebstahles bei Entdeckung weit überwiegen können (Realitätsaspekt); 2. das Überich wird den Diebstahl mit Schuldgefühlen quittieren; 3. für den Fall der Entdeckung wird sogar das ursprünglich anstiftende Es mit Schamgefühlen reagieren und das Ich ähnlich wie die Schuldgefühle in Bedrängnis bringen.

Hier wird deutlich, warum unsere Zeit dem Ich in zweierlei Weise immer mehr Leistungen aufbürdet: zum einen sorgt die vordergründig immer weiter nachlassende äußere Kontrolle (Außenstrukturierung) zu immer neuen Versuchungssituationen (die erwähnte Versuchung zum Ladendiebstahl hätte es vor der Einführung der Selbstbedienungsläden in dieser Form überhaupt nicht gegeben). Zum anderen schwindet die Rolle des Überich vor dem Hintergrund immer neuer Enthüllungen über die Verfehlungen und Rechtsbrüche der Repräsentanten gesellschaftlicher Institutionen.

 In jeder dieser drei Instanzen gibt es bewusstes, unbewusstes und vorbewusstes Erleben. Man kann sich diese unterschiedlichen Ausprägungen von Bewusstheit vorstellen wie das Licht eines Scheinwerferkegels, der einige seelische Inhalte grell beleuchtet (bewusst) und andere im Dunkeln lässt (unbewusst); in der Dämmerungszone zwischen diesen beiden Bereichen findet sich das vorbewusste Erleben.

 Abwehrmechanismen sind Werkzeuge des Ich, um der Vermittlerrolle zwischen Es, Überich und Außenwelt gerecht zu werden. Ihre Hauptfunktion liegt darin, aus dem Es aufkeimende Ängste zu beschwichtigen. Wichtige Abwehrmechanismen sind

  • die Verdrängung: störende Triebe und Gefühle aus dem Es werden nicht ins Bewusstsein zugelassen (im oben genannten Beispiel der Versuchung zum Ladendiebstahl: 'An die Möglichkeit, die Gegenstände zu stehlen, habe ich damals gar nicht gedacht!');
  • die Verleugnung: unangenehme oder konfliktträchtige Aspekte der Realität werden nicht zur Kenntnis genommen (im Beispiel: 'Ich habe diese Waren gar nicht gesehen!');
  • die Verschiebung: der Es-Impuls wird zunächst verdrängt, kehrt dann aber als Angst wieder (im Beispiel: 'Plötzlich ergriff mich eine unerklärliche Panik, die mich dazu bewog, den Supermarkt sofort zu verlassen');
  • die Wendung der Aggression gegen das Selbst bedeutet, dass wütende Impulse sozusagen verschluckt, aber dennoch nicht verdaut werden (im Beispiel: 'Als ich an die Möglichkeit dachte, mir das einfach zu nehmen, war ich plötzlich wie gelähmt und niedergeschlagen!');
  • die Projektion: störende Es-Anteile werden an die Außenwelt verwiesen (im Beispiel: 'die Leitung dieses Geschäftes will mich betrügen, mich ausbeuten, sie will mir gar einen Ladendiebstahl unterschieben');
  • die Identifikation sucht Teilhabe an der Macht von Menschen, die die eigenen Es-Impulse in die Tat umsetzen (im Beispiel: 'Ladendiebe sind tolle Kerle: sie haben das Herz am rechten Fleck!' - also die Suche nach einem 'Robin Hood');
  • die Reaktionsbildung: das Ich nimmt eine betont gegensätzliche Position zu den Impulsen des Es ein (im Beispiel eine permanent vorgetragene Haltung: 'Ladendiebe müssen ganz besonders hart bestraft werden!');
  • die Somatisierung: der innerseelische Konflikt wird in körperliche Symptome umgewandelt (im Beispiel: der innere Konflikt zwischen führt zu einer hohen Anspannung der Wirbelsäulenmuskulatur, die darüber verspannt und akut Rückenschmerzen verursacht);
  • die Entfremdung: (im Beispiel: 'Die Umwelt in diesem Supermarkt erscheint mir ganz unwirklich und fremd, so als wäre ich nicht wirklich hier!');
  • die Sublimierung: aggressive Impulse werden in eine gesellschaftlich nutzbringende Form kanalisiert (im Beispiel: der Versuchte verschreibt sich in der Folge einem politischen oder gewerkschaftlichen Engagement mit dem Ziel, für Lebensbedingungen zu kämpfen, in denen niemand mehr einen Ladendiebstahl begehen müsste)